Im Mai 2026 kaufte Silvan Paganini ein U-Boot. Doch warum braucht Paganini ausgerechnet ein bemanntes Tauchboot, obwohl er seit Jahren modernste Tauchroboter entwickelt und einsetzt?
Paganini bringt es selbst auf den Punkt:
„Ich habe viele Wracks mit Tauchrobotern entdeckt. Aber etwas nur auf dem Bildschirm zu sehen, ist nicht dasselbe, wie es mit eigenen Augen zu erleben. Sonst müsste man nie verreisen – man könnte die Welt ja einfach am Bildschirm bestaunen.“
Mit der modernen Technik sei ein Teil des eigentlichen Entdeckergefühls verloren gegangen. Das Auffinden von Wracks sei für ihn heute zur Routine geworden – ebenso fehlen die Emotionen und die Spannung, die früher jede Wracksuche begleitet hätten.
Im Jahr 2026 baute Paganini bereits seinen zehnten Tauchroboter im Kundenauftrag. Die Systeme können Tiefen von bis zu 1000 Metern erreichen. Zudem war er in Frankreich im Atlantik, bei denen autonome Tauchroboter eingesetzt wurden – also Unterwasserfahrzeuge, die nicht mehr über Kabel verbunden sind und über Stunden hinweg selbstständig Missionen durchführen können. Für Paganini steht fest: „Das ist die Zukunft der Unterwasserforschung.“
Doch um die emotionale Seite der Wracksuche wiederzuerlangen, braucht es etwas anderes: ein bemanntes U-Boot. Genau hier kommt das in der Schweiz entwickelte Einmann-U-Boot E-2 ins Spiel.

Die Geschichte des E-2
Wenn in der Schweiz von U-Booten die Rede ist, fällt meist schnell der Name Jacques Piccard. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass zwei andere Ingenieure die internationale U-Boot-Industrie über Jahrzehnte entscheidend geprägt haben: die tschechischen Maschinenbauingenieure Pavel Gross (geb. 1939) und Jaroslav Kohout (geb. 1945).
Als sich die beiden 1968 im Kanton Aargau begegneten, begann eine Zusammenarbeit, die U-Boot-Geschichte schreiben sollte. Gross hatte bereits hinter dem Eisernen Vorhang bedeutende Erfahrungen gesammelt. Bereits 1965 entwickelte er in Prag das Unterwasserhaus „XENIE“. Darin verbrachte er in der Adria jeweils drei Tage in Tiefen zwischen acht und zwanzig Metern. Aus finanziellen Gründen konnte das Projekt jedoch nicht weitergeführt werden.
Gemeinsam träumten Gross und Kohout davon, ein eigenes U-Boot zu bauen. Da sie das Projekt nur neben ihren eigentlichen Berufen und in ihrer Freizeit verwirklichen konnten, entschieden sie sich für ein radikales Konzept: ein Einmann-U-Boot – so klein wie physikalisch möglich.
Es sollte das kleinste Einmann-U-Boot der Welt werden: preiswert, leicht, wartungsarm und unabhängig von einem Mutterschiff einsetzbar. Ein „Schweizer Taschenmesser“ für die Unterwasserwelt.
Die Entwicklung erfolgte unter bescheidenen Bedingungen – in einer Garage. Trotzdem hielten sich die Ingenieure strikt an die Vorgaben der Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd. In Sicherheitsfragen gingen sie keinerlei Kompromisse ein. Tests fanden unter anderem in der damals neuen Druckkammer der ETH Zürich statt.
Durch die extrem kompakte Bauweise mussten nahezu alle technischen Systeme neu entwickelt werden. Einige Lösungen waren ihrer Zeit weit voraus. Wie bei vielen Innovationen waren mehrere Anläufe nötig, bis die gewünschte Zuverlässigkeit erreicht wurde.
1976 präsentierten Gross und Kohout schliesslich das Ergebnis: das Einmann-U-Boot E-1. Es umschloss seinen Piloten beinahe wie ein gepanzerter Taucheranzug. Äusserlich unterschied es sich vom späteren E-2 vor allem durch einen Deckel mit Bullaugen anstelle eines Plexiglasdoms sowie durch ein kleineres Sichtfenster nach vorne.
Insgesamt wurden drei Exemplare gebaut, die weltweit zum Einsatz kamen – etwa in der Forschung, bei Kabelinspektionen, Wracksuchen, Bergungen und sogar auf privaten Yachten.

Ein entscheidender Meilenstein folgte 1980: Der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Hans Fricke wurde auf die Konstruktionen aufmerksam. Er beauftragte Gross und Kohout mit dem Bau eines Zweimann-Tauchboots. Finanziert wurde das Projekt durch eine Spende der Zeitschrift GEO, die dem U-Boot auch seinen Namen gab.
Der grösste Unterschied lag im vergrösserten Druckkörper. Viele bewährte Komponenten und Technologien des E-2 konnten jedoch übernommen werden.
Das Tauchboot „GEO“ erwies sich als aussergewöhnlich erfolgreich. In den folgenden Jahren gelangen Fricke und seinem Team spektakuläre Entdeckungen. Im Toplitzsee fanden sie in grosser Tiefe Würmer, die ohne Sauerstoff leben können.
1987 gelang im Indischen Ozean eine wissenschaftliche Sensation: Erstmals wurde ein lebender Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung beobachtet – ein „lebendes Fossil“, das lange als ausgestorben galt.
Nach 800 Tauchgängen und insgesamt 2350 Stunden unter Wasser wurde das „GEO“ 1988 ausser Dienst gestellt. Es wurde durch das Tauchboot „JAGO“ ersetzt, dessen Druckkörper für Tiefen bis 400 Meter verstärkt wurde. Gebaut am Max-Planck-Institut, übernahm auch dieses U-Boot zentrale Technologien von Gross und Kohout. „JAGO“ blieb bis 2021 im Einsatz.
Das Comeback des E-2
Mit dem Aufkommen unbemannter Tauchroboter schien die Ära der bemannten U-Boote zunächst beendet zu sein. Für das geplante Tauchboot E-4, das bis in Tiefen von 3000 Metern hätte tauchen können, fanden Gross und Kohout jedoch keine Geldgeber.
Ganz verschwunden ist diese Technik dennoch nicht: Noch im Jahr 2026 war ein Einmann-U-Boot des Typs E-2 in Dänemark in der Nord- und Ostsee im Einsatz – mehr als fünfzig Jahre nach seiner Entwicklung. Das ist ein eindrucksvoller Beweis für die aussergewöhnliche Robustheit und Langlebigkeit dieser Schweizer Konstruktionen.
Genau dieses U-Boot hat Silvan Paganini nun erworben. Er plant, das E-2 vollständig zu sanieren und umfassend zu modernisieren. Allein die Restaurierung dürfte mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen.



